03.08. - Gletschertourismus
„Ob die das packen?“ geht es uns durch den Kopf.
Keine mobilen Sicherungsgeräte, kein Seil, nichts.
Zwei Karabiner, zwei Bandschlingen und eine mächtige
Randkluft mit Blick in die Ewigkeit vor sich. Das
ist alles. Seitlich über eine stark geneigte Schneewechte
auf das von Ruß und Schmutzpartikeln dunkel verfärbte
Gletscherfeld. Nur ein paar Tritte und „Henkel“
im aufgeweichten, Schnee. Ob den beiden das genügen
wird? Einen jeglicher Vernunft entbehrenden Plan
verfolgend, werden die beiden es dennoch versuchen.
Wir beobachten. Jürgen überredet zur Nutzung unseres
Seils. Das rettet an diesem Tag ein Leben.
02.08. - Bergsucht
Die Rucksäcke sind längst gepackt. Seit Tagen warten
35l Gepäck auf ihren Einsatz: Alles ist bereit.
Gespannte Erwartungshaltung und Vorfreude auf die
Südwand macht sich breit. Es kribbelt in den Fingern!
Aber groß ist sie halt schon, gell? 850 Meter Wandhöhe
und noch etwas mehr Klettermeter – „ka Kinderjausn“.
Zu diesem Schluss kommen wir an diesem Vormittag
immer wieder. Selbstzweifel? Schließlich hat keiner
von uns beiden vorher eine Wand dieser Kategorie
geklettert. Nein – Zweifel sind das keine, da gibt’s
keinen Zweifel!
Vielmehr ist es pure Vorfreude. Wir wollen los.
Es ist zu früh. Ein Tschickerl. Noch eines. Noch
ein paar, dann geht’s endlich ab. Ab zum Treffpunkt
mit unserem Guide – Jürgen, einem Bergführer, der
definitiv eine Klasse für sich ist. Jetzt kann die
ganze Sache beginnen. Kurzer Check, ob wohl alles
im Auto ist. Angie? Oliver? Christoph? Sind da.
Ok. Rucksäcke? Ok. Mehr brauch ma net.
Wir treffen Jürgen. Hallo, alles klar. Klar. Ins
Auto und weiter Richtung Dachstein Gipfel. Bei der
Dachstein Seilbahn angekommen, kontrollieren wir
noch mal unsere Ausrüstung, teilen auf und packen:
Diverse Bandschlingen in verschiedenen Längen, Expressschlingen,
Klemmkeile, Friends, Seile, Steigeisen. Wir erhaschen
ein paar Blicke auf die Wand, doch hält sie sich
großteils in Wolken gehüllt. Auch im Laufe des Abends
zeigt sich die Wand kaum in ihren gesamten Ausmaßen.
Als ob sie uns am nächsten Tag überraschen möchte.
So hoffen wir. Auf einem gemütlichen Fußmarsch zur
Südwandhütte genießen wir vorerst den imposanten
Rest des Dachsteinmassivs vor und über uns.
Ruhe kehrt ein. Eine Ruhe, die wohl nur hier zu
finden ist. Mitten auf einem unscheinbar anmutenden
Weg. Auf den Wiesen links von uns, auf den Felsformationen
rechts von uns. Schritt für Schritt, Atemzug für
Atemzug. Sie ist einfach da und du nimmst sie irgendwann
wahr. Bist einfach Mensch inmitten von Bergen. Alles
andere bleibt am Parkplatz zurück.
In der Südwandhütte harren wir bei Gequatsche und
Bier auf den kommenden Tag. Jürgen erzählt von vergangenen
Kletteretouren, Erlebnissen und Erfahrungen und
plötzlich spüre ich sie wieder. Die Bergsucht. Jetzt
bin ich in der absolut richtigen Stimmung zum Klettern!
„Das“ ist es, was den Alpinsport für mich so interessant
und absolut notwendig macht. Dieses Gefühl. Und
das Gefühl danach, dass sich nach einer Tour langsam
breit macht. Auf eine Beschreibung dieses Gefühls
meinerseits meint Jürgen:
„Ich glaube, dass es genau diese Intensität an Eindrücken
ist, die Du beschreibst, die das Klettern von anderen
Sportarten unterscheidet. Und diese Eindrücke verwandeln
sich dann regelmäßig in Sehnsucht, veranlassen uns
immer wieder dazu, dass wir uns wieder und wieder
schinden und plagen, um uns in einem riesengroßen
Haufen von Steinen unserer selbst erfreuen zu können.“
Was gibt’s da noch zu sagen. Er hat recht. Und mit
der Sehnsucht an das Schinden und Plagen begeben
wir uns dann doch noch für einige Stunden in unsere
Betten.
03.08. - Südwand
Nachdem Jürgens Wecker um 04:55, mehr als nur laut,
Alarm schlägt, hab ich erstmal Angst, dass wir unsere
erhoffte Pole Position schon vor dem Start eingebüßt
haben. Das kann kein Hüttengast überhört haben!
Raus aus dem Bett, Stirnlampe ein. Rucksack nehmen.
Klettergewand hab ich schon an. Dem weißen Lichtkegel
die Treppe runter folgen. Es ist früh. Man ist lahm.
Aber auch das ist Teil „des Gefühls“. Ich bin ein
Morgenmuffel, bin aber schon eine halbe Stunde wach
und warte auf das Signal des Weckers.
Kaffee, Kornspitz. Energie tanken. Wir sind nicht
die einzigen, die bereits munter sind. Egal, wir
kompensieren mit einem raschen Frühstück. Raus aus
der Hütte. Luft holen. Tief Luft holen. Das isses!
Die Überraschung ist ihr gelungen. Da steht sie.
850m hoch. Dunkel. Breit. Bin neugierig, wie man
da rauf kommt. Das „Dachl“ schaut aus der Entfernung
unheimlich glatt aus. Einige Verschneidungen und
Risse heben sich dunkel vom Rest der Wand ab. Plattenzonen
schimmern hellgrau aus der Wand. Da geht’s rauf.
Vorerst geht’s aber bergab. Der kleine Abstieg liegt
nach wenigen Minuten hinter uns, die absolute Ruhe
vor uns! Dann die ersten Schritte bergauf zum Einstieg.
Langsam und bedächtig. Erste, zarte Sonnenstrahlen
beleuchten den Westgrad. Weit und breit sind wir
die einzigen Leute. Das bleibt zwar nicht lange
so, stört aber kaum. Die Leute, die man an diesem
Ort, um diese Zeit trifft, haben meist das gleiche
im Kopf, wie du selbst: Sie wollen rauf. Kleine
Metallsplitter, die von einem übermächtigen Magnet
beständig angezogen werden.
Kurz vor dem Einstieg werden zur Überquerung eines
Firnfeldes die Steigeisen montiert. Man will sie
ja schließlich nicht umsonst den ganzen Weg mitschleppen.
Sobald das Firnfeld passiert ist, steh man direkt
am Einstieg zum Steinerweg. Nicht ganz 100 Jahre
zuvor standen hier die beiden Brüder Franz und Georg
Steiner, noch nicht wissend, dass sie im Begriff
waren, mit der Durchsteigung dieser Wand ein bergsteigerisches
Denkmal zu setzen. Ganz so dramatisch sahen wir
die Sache natürlich nicht. Schließlich hatten wir
– zumindest Jürgen – ja eine vorgegebene Route vor
uns. Von einem Hauch Dramatik könnte man nur insofern
sprechen, als das wir uns am Einstieg plötzlich
inmitten fünf weiterer Seilschaften befanden. Hier
Ruhe zu bewahren, war schwer, sah man Christoph
und mir zu, hätten wir in Sachen Ruhe allerdings
eine gute Figur abgegeben. Wir gingens trotz einer
Menge Leute gemütlich an. Falsche Taktik. Wo ist
eigentlich Jürgen?
Jürgen? Gute Frage. Wo is´ der hin? Nach einem Ruck
an den Seilen, wussten wir allerdings, wo er war.
Am ersten Stand. Nachkommen? Gern, nachdem wir unsere
Kletterschuhe angezogen haben und unsere Rucksäcke
gepackt haben! Haben wir etwa das Kleingedruckte
nicht gelesen. War das doch eine Speedbesteigung
auf Zeit?
Egal. Die Batschen waren zu und wir am Weg zum ersten
Stand. Leider nicht als einzige. In der ersten Seillänge
wird lieblos und ungeduldig ein Haufen Seile zu
einem festen Garn gesponnen. Was man bei NoLimit
alles dazubekommt – „Spinnen auf Zeit für Fortgeschrittene“.
Erster Stand. Welcher Vorsteiger ist jetzt noch
unserer? Was hatte Jürgen noch an? Wird wohl der
sein, der unsere Seile in Händen hält. Weiter. Stress?
Trotz allem keine Spur davon. Die Ruhe in uns war
noch da. Nach wenigen Minuten war klar, wofür Jürgen
das Tempo hoch hielt. Am Dachl, waren wir bis auf
eine Seilschaft, die sich uns anschloss, wieder
allein. Eine Seilschaft mit sehr hohem Unterhaltungswert
– Josef, der uns mitten in der Wand humorvoll die
kurz zuvor geschlossene Freundschaft kündigen wollte,
indem er uns energisch auf das Rauchverbot beim
Klettern aufmerksam machte und überdies eine sehr
individuelle Art von Seilkommandos zu Tage beförderte
(zu viel Pasta, vermuten wir) - und Anita, eine
speedige, auf der Überholspur kraxelnde „Berghex“,
die jeden Stand mit einem breiten Lächeln und einem
lustigen Spruch erreichte.
Einige Höhenmeter alpines Gehgelände liegen vor
und bald wieder hinter uns. Auf die nächsten drei
Seillängen folgt wohl eine der spannendsten Stellen
der Wand. Das Steiner- (Kriech-) band. Eine Querung
über zwei Seillängen, welche ihrem Namen alle Ehre
macht. Ein paar Meter buchstäblich auf allen vieren.
Dann ist es soweit. Die Hände haben noch genug Platz.
Die Füße nicht. Also runter in die Wand damit. Gesagt
getan. „Spannend, spannend“ kommt es uns über die
Lippen.
An dieser Stelle hat man bereits gut die Hälfte
der Höhendifferenz hinter sich. Es folgen einige
schöne Seillängen in kompaktem Fels bis hinauf zum
„Schluchtüberhang“, der Schlüsselstelle. Auch die
kann ohne echte Probleme gemeistert werden, wenngleich
wir unserer Rucksäcke entbehrten und sie schon mal
ein Stück vorausschickten. Die „großen Schwierigkeiten“
sind nun vorüber. Nach zwei langen Seillängen geht’s
in etwas brüchigem Gehgelände Richtung Westgrat.
Nach nicht ganz sechs Stunden Kletterzeit liegen
eine Menge kompakter Fels, Verschneidungen, Bänder,
Risse, Felsstufen und somit eine achthundertfünfzig
Meter hohe, enorm abwechslungsreiche Südwand hinter
uns.
Was bleibt? Im Moment, an dem ich den Westgrat betrete,
ein banales Grinsen! Freude. Etwas Stolz. Dankbarkeit
- der Berg hats gut mit uns gemeint. Auf lange Sicht
bleibt wesentlich mehr. Erfahrungen. Das Erlebnis
an sich. Respekt.
Die Einsicht, eine Tour dieser Art nicht alleine
zu unternehmen. Zwar kletterst du für dich allein,
doch war ich mir durchaus der „Sicherheitsreserve
Bergführer“ bewusst. Diese Tour ohne Verhauer und
vermeidbare Stresssituationen zu klettern, war unser
Ziel. Dieses konnte wunderbar erreicht werden. „Kritische“
Situationen, Fehler, aus denen man lernt, erfährt
man im Laufe eines alpin-orientierten Lebenswandels
zur Genüge. Auch wir haben eine Vielzahl solcher
Erfahrungen bereits hinter uns. Steinschlag, Verhauer,
verstiegen, die Suche nach dem Einstieg, missverständliche
Seilkommandos, falsche Routen, Schlechtwetter, Stress
und so weiter.
Diese Tour als Gast eines erfahrenen Bergführers
zu erleben, war kein Grund, der die Tour als solche
weniger beeindruckend gemacht hätte. Der Berg als
solcher bleibt wie er ist: Eine gewaltige Wand -
aus vielen Steinen gebildet. So auch die Seilschaften
in seinen Wänden.
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