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Als wir uns am
Abend des 22. April in Chamonix treffen, ahnen wir,
dass uns das Wetter in Punkto Planung und Durchführung
unseres Vorhabens ganz schön fordern würde.
Motivation und Stimmung könnten aber besser
nicht sein, ich freue mich sehr über unser
Wiedersehen nach der Haute Route im Jahr 2002. Am
Ende des Tages gönnt uns der Mont Blanc noch
einmal einen wundervollen Blick zu seinem Gipfel
Wir, das sind
Andreas Wolfgang
Jürgen
Christian
Stefan
und Jürgen,der
diese Bilder knippste und den Bericht schreibt.
Unseren ersten
Tourentag konnten wir für eine gute Akklimatisationstour
nützen. Das Wetter war schön, die Temperaturen
allerdings recht hoch, und so entschieden wir uns
nach einem Aufstieg vom Argentiere-Gletscher zum
Col du Chardonet, nicht nach Le Tour abzufahren,
wo wir erst um 18 Uhr angekommen wären, sondern
zurück nach Argentiere abzufahren.
Der grandiose Argentierekessel
mit seinen gewaltigen 1000 Meter hohen Nordwänden
der Aiguilles Verte, Droites, Courtes, und Triolet
liesen uns wieder einmal nicht aus dem Staunen herauskommen.
Der nächste
Tag war verregnet, zumindest im Tal. Wir hatten
genau den richtigen Riecher, und fuhren mit der
Seilbahn auf die Aiguille du Midi, und gelangten
am Nachmittag nach kurzer Abfahrt und kurzem Wiederaufstieg
zur Cosmiques-Hütte. Das wabernde Wolkenmeer
zog sich immer mehr in Richtung Tal zurück,
dei Gipfel wurden nach und nach frei, die Kameras
klickten...
Von der Hüttenterasse
boten sich uns Abends herrliche Blicke zum Mont
Blanc du Tacul, zum Jonction-Gletscher, dem Zustieg
zum Ausgangspunkt für die klassische Schibesteigung
des Mont Blanc, der Grandes Mulets Hütte.
Tagwache am nächsten
Morgen um 5 Uhr, der Wetterbericht war schlecht,
unser Ziel war ein ausgedehnter Spaziergang zwischen
den Gipfeln des Mont Blanc du Tacul, der Tour Ronde,
dem Grand Capucin und anderen Granitriesen. Gesehen
und photographiert haben wir sie nur in den frühen
Morgenstunden, danach hatte uns der Nebel wieder.
Das bedeutet Abfahren am Seil und Navigieren mit
Karte und Kompass. Nach ein paar Stunden im White-Out
des zentralen Mont Blanc Massivs verließen
wir die unsichtbare Szenerie sehr stilvoll durch
das Vallee Blanche, das an diesem Tag seinem Namen
gerecht wurde. Die Zahnrdbahn brachte uns von Montenvers
wieder zurück nach Chamonix.
Nach diesen drei
Tagen mit mäßiger Anstrengung in immer
größer werdender Höhe waren wir
außerordentlich gut für die Besteigung
des Mont Blanc Gipfels vorbereitet. So brachen wir
am frühen Vormittag unseres vierten Tourentages
zur Grandes Mulets Hütte auf.
Der Aufstieg zur
Hütte ist eine Tour für sich, von der
Mittelstation der Aiguille du Midi Bahn quert man
die gewaltige Nordflanke der Aguille du Midi, bevor
man den eindrucksvollen Jonction Gletscher betritt
und über ihn zur Hütte gelangt.
Der nächste
Tag beginnt für uns um ein Uhr nachts, zu einer
Zeit, wo unten in Chamonix, dessen Lichter beim
Tritt vor die Hütte zu uns heraufleuchten,
das Nachtleben in den Bars voll im Gange ist. Wir
sind nur 10 Personen auf der Hütte, zwei weitere
Seilschaften aus Österreich hängen sich
hinter uns an. Sie haben es gut, brauchen sich nur
in unsere Spur zu klinken, die ich am Vortag noch
bis zu den ersten Schlüsselstellen der neuen
Mont Blanc Route erkundet habe. Das Spuren wird
mit jedem Höhenmeter anstrengender, der Neuschnee
der vergangenen Tage mit zunehmender Höhe mehr,
die alten Spuren sind vom Winde verweht. Das Wetter
hat in der Nacht aufgeklart, die Feuchtigkeit, die
über dem ganzen Alpenraum liegt, hat sich für
ein paar Stunden zurückgezogen. Für wie
lange? Wir wissen es nicht, der Wetterbericht ist
seit Tagen ungenau, sagt meistens das Falsche, wir
hoffen das Beste. Und wir wissen, dass wir das Wetter
im Auge behalten müssen, um klug auf die Bedingungen
reagieren zu können, die Folgende sind: Seit
mehreren Jahren schon ist davon abzuraten, die klassische
Route über Petit und Grandes Plateau zu gehen.
Riesige Seraczonen bedrohen die Plateaus, in regelmäßigen
Abständen donnern gewaltige Eislawinen auf
die Route. Die Situation wird zunehmend gefährlicher.
Im Aufstieg würde man sich 3-4 Stunden in dieser
Gefahrenzone bewegen. Die sinnvolle Alternative
für den Aufstieg lautet Arete du Nord du Dome
du Gouter, die Nordflanke bzw. der Nordgrat dieses
Trabanten des Mont Blanc.
Links der klassische
Anstieg zum Vallot Biwak über die eisschlaggefährdeten
Plateaus, rechts der "neue" Anstieg zum
Vallot Biwak über die Nordflanke des Dome du
Gouter. Selbst schon als eigenständige Tour,
ohne Mont Blanc Gipfel, eine grandiose Schitour,
die jedoch um einiges anspruchsvoller ist als der
alte, klassische Anstieg. Von ca. 3600 bis 4100
Meter müssen die Schier getragen werden, der
Nordgrat ist stellenweise bis zu 50 Grad steil.
Am Ausstieg des
Nordgrates, wir schnallen nach 500 mit Steigeisen
zurückgelegten Höhenmetern gerade wieder
die Schier an. Links im Hintergrund Mont Maudit,
rechts Vert, Droite, Courtes und Aiguilles du Midi.
Ca 1,5 Stunden
später erreichen wir nach einem wunderschönen
Sonnenaufgang und einer unbeschreiblich schönen
Wanderung über den gewaltigen, 4200 Meter hoch
gelegenen Rücken des Dome du Gouter das Vallot
Biwak. Von dort mein letztes Bild, 200 Höhenmeter
weiter oben haben wir umgedreht, knappe 300 Meter
unter dem Gipfel.
Ein wesentlicher
Bestandteil im Leben eines Kletterers und Bergsteigers
ist seine Einstellung zum Scheitern. Die Bedingungen
haben uns an diesem Tag vor die Wahl gestellt, ob
wir bei Sonnenschein auf dem Gipfel stehen wollen,
um dann bei Schlechtwetter über die schwierige,
aber objektiv sichere Aufstiegsroute wieder abzusteigen,
was einiges an Ungewißheiten mit sich gebracht
hätte; oder ob wir dem nahenden Schlechtwetter
zuvorkommen sollen und über Grandes und Petit
Plateau bei guter Sicht und in gutem Pulverschnee,
die eisschlaggefährdeten Passagen in wenigen
vertretbaren Minuten passierend, zur Grandes Mulets
Hütte abfahren. Wir haben den Verzicht geleistet,die
zweite Variante gewählt. Unter dem Petit Plateau
fuhren wir in den Nebel ein, die Sicht war wie schon
einmal in dieser Woche gleich null. Niemand von
uns hätte bei solchen Wetterverhältnissen
über die Aufstiegsroute absteigen wollen. Und
dennoch stellte sich keine Erleichterung ein, als
wir die Mittelstation der Seilbahn erreichten, die
uns zurück nach Chamonix brachte. Die Enttäuschung
stand uns allen ins Gesicht geschrieben, mit Mühe
rekonstruierten wir das Gelungene, sprachen davon,
dass der Arete du Nord eine grandiose Tour für
sich sei, der Gipfel des Dome du Gouter somit ein
schwer verdienter, "echter" Viertausender.
Das stimmt, aber wir wußten, dass es in diesem
Moment für uns nicht stimmte. Unser Ziel war
der Gipfel des Mont Blanc, und wir sind unsagbar
knapp daran gescheitert!
Was haben wir dabei
gewonnen? Was war das Gute daran? Ein alter Bergsteigerspruch
besagt, dass das Umkehren um ein Vielfaches schwieriger
ist als das Weitergehen. Obwohl wir im Zuge des
Aufstiegs meist genügend Zeit haben, um intuitiv
das Richtige zu erfassen und richtig zu entscheiden,
spüren wir schon dabei die Widerstände
gegen die Umkehr, weil wir ganz genau wissen, was
uns blüht, wenn wir wieder unten sind, das
Wetter sich verzogen hat, keine Lawinen ins Tal
gedonnert sind, alle heil sind, aber der Gipfel
nicht unser ist.
Und doch müssen
wir gerade diese Leistung hoch halten. Der Wert,
der über dem Gipfel des Mont Blanc steht, steht
höher über diesem als der des Mont Blanc
über dem des Dome du Gouter. Es ist der Wert
unserer Gesundheit, und schließlich, im Zusammenhang
mit solchen Entscheidungen, der Wert unseres Lebens
schlechthin. Es gibt nichts Kostbareres als dieses,
aber letztlich setzen wir es aufs Spiel, wenn wir
uns angesichts schwieriger Bedingungen leichtfertig
von einem so nahe scheinenden Ziel locken lassen:
"Dieses eine Mal nur, wird schon nichts schiefgehen".
Dieser Verlockung zu widerstehen bedeutet den Verzicht
buchstäblich zu leisten. Und das war auf den
Höckern des Bosses-Grates stehend, den Gipfel
zum Greifen nahe, eine wesentlich mühevollere
Anstrengung und höher stehende Leistung als
der Gang zum Gipfel. Dazu gratuliere ich uns allen
nochmals, und freue mich auf das nächste mal,
wenn wir, vielleicht wieder gemeinsam, auf dem Weg
sind zum höchsten Gipfel der Alpen und bei
besseren Bedingungen mit gutem Gewissen bis zum
höchsten Punkt gehen können.
Jürgen Wietrzyk
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