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[ Schitour Mont Blanc - April 2006]


   

Als wir uns am Abend des 22. April in Chamonix treffen, ahnen wir, dass uns das Wetter in Punkto Planung und Durchführung unseres Vorhabens ganz schön fordern würde. Motivation und Stimmung könnten aber besser nicht sein, ich freue mich sehr über unser Wiedersehen nach der Haute Route im Jahr 2002. Am Ende des Tages gönnt uns der Mont Blanc noch einmal einen wundervollen Blick zu seinem Gipfel

 

Wir, das sind



Andreas Wolfgang Jürgen

 

Christian Stefan

und Jürgen,der diese Bilder knippste und den Bericht schreibt.

Unseren ersten Tourentag konnten wir für eine gute Akklimatisationstour nützen. Das Wetter war schön, die Temperaturen allerdings recht hoch, und so entschieden wir uns nach einem Aufstieg vom Argentiere-Gletscher zum Col du Chardonet, nicht nach Le Tour abzufahren, wo wir erst um 18 Uhr angekommen wären, sondern zurück nach Argentiere abzufahren.

 

Der grandiose Argentierekessel mit seinen gewaltigen 1000 Meter hohen Nordwänden der Aiguilles Verte, Droites, Courtes, und Triolet liesen uns wieder einmal nicht aus dem Staunen herauskommen.

Der nächste Tag war verregnet, zumindest im Tal. Wir hatten genau den richtigen Riecher, und fuhren mit der Seilbahn auf die Aiguille du Midi, und gelangten am Nachmittag nach kurzer Abfahrt und kurzem Wiederaufstieg zur Cosmiques-Hütte. Das wabernde Wolkenmeer zog sich immer mehr in Richtung Tal zurück, dei Gipfel wurden nach und nach frei, die Kameras klickten...

 

Von der Hüttenterasse boten sich uns Abends herrliche Blicke zum Mont Blanc du Tacul, zum Jonction-Gletscher, dem Zustieg zum Ausgangspunkt für die klassische Schibesteigung des Mont Blanc, der Grandes Mulets Hütte.

 

Tagwache am nächsten Morgen um 5 Uhr, der Wetterbericht war schlecht, unser Ziel war ein ausgedehnter Spaziergang zwischen den Gipfeln des Mont Blanc du Tacul, der Tour Ronde, dem Grand Capucin und anderen Granitriesen. Gesehen und photographiert haben wir sie nur in den frühen Morgenstunden, danach hatte uns der Nebel wieder. Das bedeutet Abfahren am Seil und Navigieren mit Karte und Kompass. Nach ein paar Stunden im White-Out des zentralen Mont Blanc Massivs verließen wir die unsichtbare Szenerie sehr stilvoll durch das Vallee Blanche, das an diesem Tag seinem Namen gerecht wurde. Die Zahnrdbahn brachte uns von Montenvers wieder zurück nach Chamonix.

 

Nach diesen drei Tagen mit mäßiger Anstrengung in immer größer werdender Höhe waren wir außerordentlich gut für die Besteigung des Mont Blanc Gipfels vorbereitet. So brachen wir am frühen Vormittag unseres vierten Tourentages zur Grandes Mulets Hütte auf.

 

Der Aufstieg zur Hütte ist eine Tour für sich, von der Mittelstation der Aiguille du Midi Bahn quert man die gewaltige Nordflanke der Aguille du Midi, bevor man den eindrucksvollen Jonction Gletscher betritt und über ihn zur Hütte gelangt.

Der nächste Tag beginnt für uns um ein Uhr nachts, zu einer Zeit, wo unten in Chamonix, dessen Lichter beim Tritt vor die Hütte zu uns heraufleuchten, das Nachtleben in den Bars voll im Gange ist. Wir sind nur 10 Personen auf der Hütte, zwei weitere Seilschaften aus Österreich hängen sich hinter uns an. Sie haben es gut, brauchen sich nur in unsere Spur zu klinken, die ich am Vortag noch bis zu den ersten Schlüsselstellen der neuen Mont Blanc Route erkundet habe. Das Spuren wird mit jedem Höhenmeter anstrengender, der Neuschnee der vergangenen Tage mit zunehmender Höhe mehr, die alten Spuren sind vom Winde verweht. Das Wetter hat in der Nacht aufgeklart, die Feuchtigkeit, die über dem ganzen Alpenraum liegt, hat sich für ein paar Stunden zurückgezogen. Für wie lange? Wir wissen es nicht, der Wetterbericht ist seit Tagen ungenau, sagt meistens das Falsche, wir hoffen das Beste. Und wir wissen, dass wir das Wetter im Auge behalten müssen, um klug auf die Bedingungen reagieren zu können, die Folgende sind: Seit mehreren Jahren schon ist davon abzuraten, die klassische Route über Petit und Grandes Plateau zu gehen. Riesige Seraczonen bedrohen die Plateaus, in regelmäßigen Abständen donnern gewaltige Eislawinen auf die Route. Die Situation wird zunehmend gefährlicher. Im Aufstieg würde man sich 3-4 Stunden in dieser Gefahrenzone bewegen. Die sinnvolle Alternative für den Aufstieg lautet Arete du Nord du Dome du Gouter, die Nordflanke bzw. der Nordgrat dieses Trabanten des Mont Blanc.

 

Links der klassische Anstieg zum Vallot Biwak über die eisschlaggefährdeten Plateaus, rechts der "neue" Anstieg zum Vallot Biwak über die Nordflanke des Dome du Gouter. Selbst schon als eigenständige Tour, ohne Mont Blanc Gipfel, eine grandiose Schitour, die jedoch um einiges anspruchsvoller ist als der alte, klassische Anstieg. Von ca. 3600 bis 4100 Meter müssen die Schier getragen werden, der Nordgrat ist stellenweise bis zu 50 Grad steil.

 

 

Am Ausstieg des Nordgrates, wir schnallen nach 500 mit Steigeisen zurückgelegten Höhenmetern gerade wieder die Schier an. Links im Hintergrund Mont Maudit, rechts Vert, Droite, Courtes und Aiguilles du Midi.

Ca 1,5 Stunden später erreichen wir nach einem wunderschönen Sonnenaufgang und einer unbeschreiblich schönen Wanderung über den gewaltigen, 4200 Meter hoch gelegenen Rücken des Dome du Gouter das Vallot Biwak. Von dort mein letztes Bild, 200 Höhenmeter weiter oben haben wir umgedreht, knappe 300 Meter unter dem Gipfel.

 

Ein wesentlicher Bestandteil im Leben eines Kletterers und Bergsteigers ist seine Einstellung zum Scheitern. Die Bedingungen haben uns an diesem Tag vor die Wahl gestellt, ob wir bei Sonnenschein auf dem Gipfel stehen wollen, um dann bei Schlechtwetter über die schwierige, aber objektiv sichere Aufstiegsroute wieder abzusteigen, was einiges an Ungewißheiten mit sich gebracht hätte; oder ob wir dem nahenden Schlechtwetter zuvorkommen sollen und über Grandes und Petit Plateau bei guter Sicht und in gutem Pulverschnee, die eisschlaggefährdeten Passagen in wenigen vertretbaren Minuten passierend, zur Grandes Mulets Hütte abfahren. Wir haben den Verzicht geleistet,die zweite Variante gewählt. Unter dem Petit Plateau fuhren wir in den Nebel ein, die Sicht war wie schon einmal in dieser Woche gleich null. Niemand von uns hätte bei solchen Wetterverhältnissen über die Aufstiegsroute absteigen wollen. Und dennoch stellte sich keine Erleichterung ein, als wir die Mittelstation der Seilbahn erreichten, die uns zurück nach Chamonix brachte. Die Enttäuschung stand uns allen ins Gesicht geschrieben, mit Mühe rekonstruierten wir das Gelungene, sprachen davon, dass der Arete du Nord eine grandiose Tour für sich sei, der Gipfel des Dome du Gouter somit ein schwer verdienter, "echter" Viertausender. Das stimmt, aber wir wußten, dass es in diesem Moment für uns nicht stimmte. Unser Ziel war der Gipfel des Mont Blanc, und wir sind unsagbar knapp daran gescheitert!

Was haben wir dabei gewonnen? Was war das Gute daran? Ein alter Bergsteigerspruch besagt, dass das Umkehren um ein Vielfaches schwieriger ist als das Weitergehen. Obwohl wir im Zuge des Aufstiegs meist genügend Zeit haben, um intuitiv das Richtige zu erfassen und richtig zu entscheiden, spüren wir schon dabei die Widerstände gegen die Umkehr, weil wir ganz genau wissen, was uns blüht, wenn wir wieder unten sind, das Wetter sich verzogen hat, keine Lawinen ins Tal gedonnert sind, alle heil sind, aber der Gipfel nicht unser ist.

Und doch müssen wir gerade diese Leistung hoch halten. Der Wert, der über dem Gipfel des Mont Blanc steht, steht höher über diesem als der des Mont Blanc über dem des Dome du Gouter. Es ist der Wert unserer Gesundheit, und schließlich, im Zusammenhang mit solchen Entscheidungen, der Wert unseres Lebens schlechthin. Es gibt nichts Kostbareres als dieses, aber letztlich setzen wir es aufs Spiel, wenn wir uns angesichts schwieriger Bedingungen leichtfertig von einem so nahe scheinenden Ziel locken lassen: "Dieses eine Mal nur, wird schon nichts schiefgehen". Dieser Verlockung zu widerstehen bedeutet den Verzicht buchstäblich zu leisten. Und das war auf den Höckern des Bosses-Grates stehend, den Gipfel zum Greifen nahe, eine wesentlich mühevollere Anstrengung und höher stehende Leistung als der Gang zum Gipfel. Dazu gratuliere ich uns allen nochmals, und freue mich auf das nächste mal, wenn wir, vielleicht wieder gemeinsam, auf dem Weg sind zum höchsten Gipfel der Alpen und bei besseren Bedingungen mit gutem Gewissen bis zum höchsten Punkt gehen können.

Jürgen Wietrzyk

 

 

 

 

 

 

 
   

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